Bassist Günter Lenz erinnert sich an die Aufnahmen von „Astigmatic“

24.02.2017 21:57 von jazz (Kommentare: 0)

 

Foto: Kumpf

Text und Fotografien: Hans Kumpf

 

Eine historische Nacht in einem Warschauer Tonstudio

 

Auch 2017 bestimmten die Leser der in Warschau erscheinenden Zeitschrift „Jazz Forum“ wieder die Studio-Version von Krzysztof Komedas „Astigmatic“ zur wichtigsten polnischen Jazzplatte aller Zeiten. Mit von der Partie war Anfang Dezember 1965 ein Deutscher, nämlich der Kontrabassist Günter Lenz, der sich noch gerne an eine aufregende Nacht erinnert.

 

Nach der abendlichen „live“-Präsentation beim Warschauer Festival „Jazz Jamboree“ ging der Pianist Krzysztof Komeda (1931–1969) sofort ins Tonstudio. Als durchaus historisch für die deutsch-polnischen Jazzbeziehungen ist die Tatsache zu werten, dass am Kontrabass Janusz Kozlowski kurzfristig durch Günter Lenz ersetzt wurde, der zusammen mit dem Posaunisten Albert Mangelsdorff in der polnischen Hauptstadt weilte. Wie zuvor auf dem Podium wirkten im Studio noch der Trompeter Tomasz Stańko und der schwedische Drummer Rune Carlsson mit. Neu war als zweiter Bläser der Altsaxophonist Zbigniew Namysłowski. Obgleich das Titelstück nicht für einen Film geschaffen worden war, ist es von Komeda doch sehr dramatisch konzipiert worden: Taktwechsel zwischen 4/4 und 6/8, abrupte Tempo-Changes, kurze kleinintervallige Motive und deren Sequenzierungen, Negierung der althergebrachten Balladen-Form und der stupiden Abfolge „Thema-Improvisationen-Thema“. Gleich mehrere Labels brachten von der Produktion „Astigmatic“, das insgesamt drei Stücke enthält,  Wiederveröffentlichungen in Form von CompactDiscs heraus.

 

Am 20. Januar 2017 unterhielt ich mich auf Bitten des Magazins „Jazz Forum“ mit dem Kontrabassisten Günter Lenz über die legendäre LP-Produktion.

 

Hans Kumpf: Ende 1965 hast Du mit dem Albert Mangelsdorff Quintett in Warschau gespielt, und danach hast Du bei der bedeutendsten Schallplattenaufnahme des polnischen Jazz mitgemacht. An was kannst Du Dich noch erinnern? An Krzysztof Komeda und seine Gruppe…

 

Günter Lenz: Das war eine fantastische Sache. Es war Zufall. Ich weiß nicht, wen er als Bassisten vorgesehen hatte. Er war irgendwie erkrankt oder so was. Auf jeden Fall hatte er keinen Bassisten für die Aufnahme. Wir hatten zuvor zusammen mit Mangelsdorff das normale Konzert gemacht. Anschließend war eine Plattenaufnahme geplant, nach diesem Konzert. Es ging von 2 Uhr nachts bis morgens um 8 Uhr ungefähr. Mich hat Komeda auserwählt aus vielen Formationen – jedenfalls war ich dabei. Außerdem war Rune Carlsson dabei, der schwedische Schlagzeuger. Mit ihm hatte ich zusammen gespielt am Anfang

in Alberts Gruppe, das war 1961. Da hat Rune für ein halbes Jahr bei Albert Schlagzeug gespielt.

 

Günter Lenz - Foto: Kumpf

 

HK: Ihr kanntet Euch…

 

GL: Wir kannten uns. Das war ein schönes Wiedersehen. Das war wunderbar.

 

HK: Kanntest Du schon Tomasz Stańko?

 

GL: Das ist die Frage. Nachher haben wir uns sehr oft auf Festivals getroffen. Aber ich glaube, dass es damals das erste Mal war, dass wir zusammen etwas gemacht haben.

 

HK: Wie war es mit Saxophonisten Zbigniew Namysłowski?

 

GL: Namysłowski? Es war alles neu.

 

HK: Was für Vorgaben hattest Du? Noten – oder wurde verbal gesagt, was zu tun ist? Akkorde?

 

Lenz - Foto: SchindelbeckGL: Nein, wir hatten ein paar Noten, keine Akkorde, schon mit Tönen. Komeda kam ja von der Filmmusik her. Das ist eine ganz andere Sichtweise. Es wurde damals auch ganz anders notiert. Wir haben uns entsprechend unterhalten, so wie man sich mit Händen und Füßen unterhält, und mit diesen paar Worten Englisch, die man kann. Sowohl von polnischer Seite als auch von deutscher Seite.

 

HK: Hast Du verschiedene Wiederveröffentlichungen von „Astigmatic“?

 

GL: Nein.

 

HK: Ich habe zu Hause vielleicht vier davon. Ich dachte, ich muss Dir mal eine mitbringen.

 

GL: Das wäre schön. Ich habe nur eine einzige LP.

 

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